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James Baldwin

afro-amerikan. Schriftsteller
* 2.8.1924 Harlem (NY)   † 1.12.1987 Saint-Paul-de-Vence
Werkartikel: Gehe hin und verkünde es vom Berge, 1953
Werkartikel: Giovannis Zimmer, 1956

„Ich kann mir keinen in diesem Land geborenen Schwarzen denken, dem nicht seine Lebensumstände bis zum Zeitpunkt der Pubertät unheilbare Wunden zugefügt haben“, schrieb James Arthur Baldwin in einem Essay Anfang der 60-er Jahre. Die Situation der Schwarzen in den USA, das Leben als Homosexueller und die aus der doppelten Diskriminierung erwachsende Einsamkeit, die in seinen Romanen oft als hoffnungslose, zum Scheitern verurteilte Suche nach Liebe Niederschlag findet, sind Baldwins zentrale literarische Themen. Der Sohn eines Arbeiters und Baptistenpredigers engagierte sich aktiv in der schwarzen Bürgerrechtsbewegung und zählte bald zu deren meistgelesenen Wortführern. Nach der Ermordung von Malcolm X und Martin Luther King emigrierte er 1970 nach Frankreich, wo er bereits während der Jahre 1948-58 gelebt hatte. Als auch beim weißen Publikum populärster schwarzer Romancier der 60-er Jahre schrieb Baldwin auch Essays (u.a. Schwarz und Weiß, 1961; Hundert Jahre Freiheit ohne Gleichberechtigung, 1962), Dramen (Amen Corner, 1954; Blues für Mr. Charly, 1964), Erzählungen (Des Menschen nackte Haut, 1965) und Gedichte (Jimmy’s Blues, 1983). Biografie: C.W. Sylvander: James Baldwin, 1980


Gehe hin und verkünde es vom Berge
Go Tell it on the Mountain, 1953; dt. 1966

In seinem ersten, stark autobiografisch geprägten Roman, dessen Originaltitel einem bekannten Gospel-Song entstammt, schildert Baldwin die Familie des Laienpredigers Gabriel Grimes bei einem Gottesdienst. Der Roman spielt an einem einzigen Tag des Jahres 1935 in Harlem, zeichnet in Rückblenden jedoch den Leidensweg der Familie über drei Generationen auf.

Entstehung: Schon an seiner High School, die er 1942 abschloss, hatte Baldwin eine Literaturzeitschrift herausgegeben; auch in den folgenden Jahren, während denen er als Gelegenheitsarbeiter zum Unterhalt der Familie beitrug, verfolgte er das Ziel, Schriftsteller zu werden und schrieb zunächst für Zeitungen. 1945 wurde er von Richard Wright, dem Vorbild einer ganzen Generation schwarzer Autoren, entdeckt, der Baldwins Mentor wurde und ihm zu einem Stipendium verhalf. Baldwin setzte sich jedoch von der Protestliteratur der Wright-Schule ab und postuliert die individuelle Befreiung als Zukunftschance des schwarzen Amerika.

Aufbau: Den Hauptteil des Romans bilden die Gebete von Florence, Gabriel und Elisabeth, in die deren Erinnerungen und Selbstreflexionen eingeflochten sind und sich zur Schicksalsgeschichte der Familie und ihres Weges vom Süden ins New Yorker Schwarzengetto Harlem verbinden. Die Anrufungen, in deren Rhythmus die ekstatische Atmosphäre des Gottesdienstes widerscheint, sind in zwei weitere Kapitel eingebettet; im ersten werden die Protagonisten vorgestellt, im letzten erfährt Gabriels Stiefsohn John seine Erweckung.

Inhalt: Erinnerungen führen die drei erwachsenen Hauptfiguren während ihrer Gebete an verschiedene Stationen ihrer Biografien zurück und fügen sich wie Mosaiksteine zu einer Familiengeschichte zusammen, in der die schicksalhaften Verstrickungen erst langsam sichtbar werden. Florence, Tochter einer ehemaligen Sklavin, verlässt das Haus der kranken Mutter im Süden, in dem sich alles nur um ihren jüngeren Bruder Gabriel dreht, um in Harlem ihr eigenes Leben zu leben. Gabriel, ein hemmungsloser Herumtreiber, findet schließlich den Weg zu Gott und heiratet die Nachbarstochter Deborah. Immer wieder jedoch „erwacht der Mann in ihm“: Gabriel betrügt Deborah mit der jüngeren Esther, die schwanger wird; der uneheliche Sohn, den Gabriel liebt und für den er gleichzeitig Schuld empfindet, wird später erstochen. Nach Deborahs Tod zieht auch Gabriel nach Harlem, lernt durch Florence, zu der er 20 Jahre keinen Kontakt mehr hatte, Elisabeth kennen und heiratet sie. Von Richard, der sich das Leben nahm, nachdem er wegen eines nicht begangenen Diebstahls ins Gefängnis gekommen war, hat Elisabeth den unehelich gezeugten Sohn John. Der wird nun für Gabriel zu einer ständigen Erinnerung an dessen „Blutschuld“ und dafür von ihm gehasst. Als Einzige weiß Florence von der Verfehlung ihres Bruders und droht, sich für dessen Tyrannei, aber auch für die eigene verlorene Jugend zu rächen: „Du denkst im Grunde deines Herzens: Wenn du sie, sie und ihren Bastard, genug für ihre Sünden büßen lässt, dann wird dein Sohn nicht für deine Sünden büßen müssen. Aber das werde ich nicht zulassen. Du hast genug Menschen für ihre Sünden zahlen lassen, jetzt wird es Zeit, dass auch du selbst anfängst, zu zahlen. (...) Ich werde aufstehen und sprechen, ich werde vor allen aussprechen, dass der Gesalbte des Herrn Blut an seinen Händen hat.“

Wirkung: Vielen Kritikern gilt Gehe hin und verkünde es vom Berge als Baldwins bestes Werk, wenn auch der militante soziologische Realismus seiner späteren Romane von größerem Einfluss auf andere Autoren war. Eine uninspirierte Verfilmung unternahm Stan Lathan 1984 mit Paul Winfield als Gabriel; Baldwin ist hier in einer Nebenrolle zu sehen. ACK


Giovannis Zimmer
Giovanni’s Room, 1956; dt. 1963

Nach dem afro-amerikan. Debütwerk machte Baldwin in seinem zweiten, kurzen Roman die Homosexualität zum Thema und erzählt von den Irritationen, in die David taumelt, als sich in Paris ein junger Italiener in ihn verliebt. Baldwin hat sich hier auf weiße Protagonisten, Frankreich als Schauplatz und ein anderes Milieu verlegt, doch beschäftigt ihn das gleiche Thema wie in seinem ersten Roman: das Schicksal der „schuldlos Ausgestoßenen“ (M. Dutsch).

Aufbau: Der Roman ist in zwei Teile gegliedert. Der Erste nimmt bereits zu Beginn das Ende der Handlung vorweg und zeigt den jungen Amerikaner David unmittelbar vor seiner Abreise aus Frankreich; daran anschließend wird erzählt, wie er in Paris Giovanni kennen lernt und sich verliebt. In der zweiten Hälfte wird die langsame Zerrüttung der Beziehung zwischen den beiden Männern geschildert, die Giovanni in den Abgrund stürzt.

Inhalt: Davids erstes sexuelles Erlebnis war eine Liebesnacht mit einem Klassenkameraden noch während seiner Schulzeit in Brooklyn; irritiert und aus Angst vor der Reaktion der Eltern bricht er den Kontakt zu Joey ab. Immer wieder jedoch steigt in ihm auf, was ihn „damals mit solcher Gewalt überfiel: eine große durstige Leidenschaft, ein Zittern und Beben, ein so quälendes Verlangen, dass ich glaubte, mein Herz werde zerspringen“. Jahre später, er ist nun Mitte 20, lernt David in Paris Hella kennen, will sie heiraten, sie jedoch spürt seine Unentschlossenheit und reist für mehrere Monate nach Spanien, um nachzudenken. Während dieser Zeit begegnet David Giovanni, Barmann in einer von Guillaume geführten Schwulenkneipe, verliebt sich in den „dunkelhaarigen, löwenhaften“ Jungen und zieht mit ihm zusammen in dessen „beängstigend kleine Dienstmädchenkammer“ am Stadtrand. Wenig später kündigt Guillaume Giovanni aus Eifersucht den Job. Doch auch David beginnt sich von Giovanni zu lösen; er vertraut nicht in dessen Liebe und fürchtet, eines Tages allein zu sein, einer jener einsamen Alten, die im Schutz der Nacht in Guillaumes Bar ein Doppelleben führen und sich doch ständig durch „den Neid und die Begierde“ in ihren Blicken verraten. Als Hella aus Spanien zurückkehrt, trennt sich David von Giovanni; der verkommt in seinem Schmerz zusehends, raubt schließlich Guillaume aus und bringt ihn in einer Affekthandlung um. Nachdem Hella ihre Funktion erfüllt hat, David von der „verruchten“ Liebe zu erlösen, verliert der bald wieder das Interesse an ihr. Sie ertappt ihn zufällig bei einem Liebesabenteuer mit einem Matrosen und verlässt ihn. Nun ist David tatsächlich allein, selbst ein Gefallener, weil er den Mut nicht fand, sich zu seiner Liebe und damit zu sich selbst zu bekennen. Am Morgen vor Giovannis Hinrichtung verlässt er Frankreich und kehrt nach Amerika zurück.

Wirkung: Nach Erscheinen von Giovannis Zimmer wurde Baldwin ein rasches Ende seiner literarischen Laufbahn prophezeit: In dieser unverschlüsselten Deutlichkeit war das Thema Homosexualität in der amerikan. Literatur zuvor kaum behandelt worden; noch bis 1968 etwa wurde Gore Vidals Geschlossener Kreis (1948), für Tennessee Williams der „erste bedeutende Homosexuellenroman Amerikas“, mit der auf ausdrücklichen Verlegerwunsch hin veränderten Schlussversion angeboten, in der Jim Willard, psychologisch wenig überzeugend, den geliebten Bob meuchelt. Doch Giovannis Zimmer wurde ein internationaler Erfolg und Baldwins berühmtestes Werk. Die Unterdrückung aus Gründen der Rasse und der Sexualität verband er schließlich, wieder mit stark autobiografischen Bezügen, 1962 in Eine andere Welt, und auch in Sag mir, wie lange ist der Zug schon fort (1968) und Zum Greifen nah (1978) bildet die Männerliebe ein zentrales Thema. ACK


aus Das Buch der 1.000 Bücher, Harenberg Verlag, Dortmund 2002