| | |
Gore Vidal
amerikan. Schriftsteller u. Essayist * 3.10.1925 West Point (NY) Werkartikel: Burr, 1973
Eugene Luther Vidal stammt aus einer der politisch einflussreichsten amerikan. Familien; den Namen seines Großvaters, des Senators Thomas P. Gore, nahm er mit 14 Jahren als Vornamen an. In seinem ersten Roman, Williwaw (1946), verarbeitete er seine Militärzeit an Bord eines Versorgungsschiffes, in Geschlossener Kreis (1948) seine Liebe zu einem im Zweiten Weltkrieg gefallenen Mitschüler; diese erste offene Darstellung der Homosexualität in der amerikan. Literatur wurde zum Skandal, die New York Times lehnte Anzeigen für das Buch ab und ignorierte die folgenden Romane Vidals. Um als Schriftsteller zu überleben, schrieb er drei Krimis unter dem Pseudonym Edgar Box, TV- und Broadway-Stücke (Besuch auf einem kleinen Planeten, 1957; Der beste Mann, 1960) sowie Filmdrehbücher (u.a. Ben Hur, 1959). Dann gelangen ihm mit Julian (1964), Washington, D.C. (1967) und Myra Breckinridge (1968) Bestseller, seine Gesellschaftssatire Duluth wie Dallas (1983) nannte Italo Calvino einen „Hyper-Roman“. Für die Essay-Sammlung United States: Essays 1952-1992 (1993) erhielt er den National Book Award. Seit 1972 lebt Vidal überwiegend im italien. Ravello. Biografie: G. Vidal: Palimpsest, 1995 (dt. 1996); F. Kaplan: Gore Vidal, 1999
Burr Burr, 1973; dt. 1975
Vidals vierzehnter Roman bildet den chronologischen Auftakt zu einer akribisch recherchierten Septologie über die Geschichte der USA, deren Intention die Demontage historischer Mythen ist. Den authentischen Personen, die „weitgehend das gesagt und getan haben, was ich sie sagen und tun lasse“, steht eine fiktive Journalistenfamilie gegenüber, anfangs durch den „schriftstellernden Juristen“ Charles Schuyler, in den späteren Bänden durch die Zeitungsverlegerin Caroline Sanford vertreten, durch die Vidals „USA-Chronik“ zu einem erzählerischen Kontinuum wird.
Aufbau: In vier Kapiteln schildert der historische Roman während der Jahre 1833 bis 1836 Schuylers Recherche der Biografie Aaron Burrs. In diese Rahmenhandlung eingebettet sind die Erinnerungen des einstigen Revolutionshelden, die in die zweite Hälfte des 18. Jhs. zurückblenden und Burrs politischen Aufstieg und Fall dokumentieren. Ein kurzes Schlusskapitel zeigt den nach Burrs Tod nach Europa zurückgekehrten Schuyler 1840 in Italien und dient dem erzählerischen Clou.
Inhalt: Charles S. Schuyler, ein junger Jurist in Burrs Kanzlei, wird von dem Zeitungsverleger William Leggett beauftragt, ein Pamphlet zu verfassen, das beweisen soll, dass Burr der Vater des demokratischen Präsidentschaftskanditaten Martin Van Buren ist. Mehr noch als der Makel der unehelichen Herkunft würde Van Buren im Wahlkampf gegen Andrew Jackson die Verwandtschaft mit dem umstrittenen Burr kompromittieren. Tatsächlich beginnt Burr Schuyler seine Memoiren zu diktieren und es entsteht das Porträt eines politischen Abenteurers und intriganten Machtmenschen, der 1800 Thomas Jeffersons Vizepräsident wurde, 1804 seinen politischen Gegner Alexander Hamilton in einem Duell erschoss, der in einem Handstreich Mexiko erobern und dessen Kaiser werden wollte und 1807 beinahe wegen Hochverrats verurteilt wurde, weil er unter Verdacht geraten war, die Weststaaten von der jungen Republik abspalten zu wollen. Schuyler gerät immer stärker in den Bann des widersprüchlichen Objekts seiner Recherchen und gleichzeitig in ein Netz politischer Intrigen um sein Manuskript, auf dessen Veröffentlichung er schließlich verzichtet. Erst Jahre später erfährt er, dass er der Stiefbruder Van Burens und selbst ein Sohn Burrs ist.
Wirkung: Mit Burr und Washington, D.C. (1967) hatte Vidal die Eckpunkte der amerikan. Geschichte von den Gründerjahren bis zum Zweiten Weltkrieg umrissen. 1976, zum 200. Jahrestag der Unabhängigkeitserklärung, folgte der Roman 1876 über die Korruptionsskandale des republikanischen Präsidenten Ulysses S. Grant; inzwischen ist Vidals „USA-Chronik“ mit Lincoln (1984), Empire (1987), Hollywood (1990) und Das goldene Zeitalter (2000) auf sieben Bände angewachsen, deren letzte Teile allerdings sehr weitschweifig geraten sind. Vidals zentrale These, dass sich das amerikan. Staatswesen durch das Machtstreben seiner politischen Elite konsequent zu einem imperialistischen und kriegerischen System entwickelt hat, dessen prädiktatorische Tendenzen sich in der Missachtung der Verfassung wie der Menschenrechte offenbaren, brachte ihm den Ruf des enfant terrible der Literaturszene ein. Vidal hat sich auch direkt in das politische Leben eingemischt, schrieb Reden für John F. Kennedy, kandidierte (erfolglos) 1960 in New York und 1982 in Kalifornien für die Demokraten und war 1970 Mitbegründer der linksliberalen People’s Party. Außerdem verfasste er mehr als 200 ebenso geistreiche wie scharfzüngige Essays, von denen ein Teil in mittlerweile zwölf Bänden (dt. American Plastics, 1986; Das ist nicht Amerika!, 2000) nachgedruckt wurde; seine provokative Polemik machte ihn zu einem der gefürchtetsten Kritiker der amerikan. Politik. ACK
aus Das Buch der 1.000 Bücher, Harenberg Verlag, Dortmund 2002
| | |
|
| |
| |
|