Andreas C. Knigge - Homepage
Andreas C. KniggeAutor - Journalist - Verlagsservice - Publishing Rights
 Home
 Vita
 Archiv
 Memories
 Pictures







Friedrich Gerstäcker

dt. Schriftsteller
* 10.5.1816 Hamburg   † 31.5.1872 Braunschweig
Werkartikel: Die Flusspiraten des Mississippi, 1848

Mit 22 Romanen sowie einer großen Zahl von Erzählungen und Reiseberichten war Friedrich Wilhelm Christian Gerstäcker einer der populärsten dt. Autoren seiner Zeit. Durch wechselnde Engagements des Vaters, eines Operntenors, war Gerstäckers Kindheit durch häufige Ortswechsel geprägt, tiefere soziale Bindungen gab es kaum. Inspiriert durch die Abenteuerromane v.a. von Daniel Defoe und James Fenimore Cooper reifte hingegen schon früh die Sehnsucht nach fremden Ländern. Im Sommer 1837 reiste er nach New York und dann fünf Jahre durch die Staaten am Mississippi und Arkansas. Zurück in Deutschland, verarbeitete er seine Beobachtungen des Lebens der weißen Siedler und Indianer sowie eigene Erlebnisse als Gelegenheitsarbeiter und Jäger zu dem Reisebuch Streif- und Jagdzüge durch die Vereinigten Staaten Nord-Amerikas (1844). Sein erster Roman, Die Regulatoren in Arkansas, erschien 1846 und wurde schnell ein Erfolg. Weitere Reisen u.a. nach Südamerika, Kalifornien, Tahiti sowie Südaustralien wurden Gegenstand abenteuerlicher Romane und von Reiseberichten. 1862 begleitete er eine Expedition, der u.a. Alfred Brehm angehörte, auch nach Afrika. Biografie: A. Gerstäcker: Friedrich Gerstäckers Biographie von seinem Bruder August Gerstäcker, 1885; T. Ostwald: Friedrich Gerstäcker, 1976


Die Flusspiraten des Mississippi

Die Flusspiraten des Mississippi (1848), einer der ersten deutschen Amerika-Romane, zählt zum Kanon der großen Klassiker der Abenteuerliteratur. Bei Erscheinen war Amerika nicht nur für Gerstäcker das „Land der langen Sehnsucht“; Abertausende aus ganz Europa machten sich auf den Weg in die „Neue Welt“, auf der Suche nach einem Leben ohne die Beengungen und Probleme ihrer Heimat. Allein 1837, als Gerstäcker in Bremen an Bord der „Constitution“ ging, wurden 23.470 Auswanderer registriert.

Entstehung: Seine Mutter hatte die ihr aus Amerika übersandten Reisetagebücher einem befreundeten Redakteur zur Veröffentlichung übergeben, Gerstäcker erkannte schnell seine Chance, überarbeitete seine Aufzeichnungen und publizierte sie unter dem Titel Streif- und Jagdzüge durch die Vereinigten Staaten Nord-Amerikas. Informationen über Amerika waren rar und Gerstäcker sprach sein potenzielles Publikum immer wieder gezielt mit Titeln wie Der deutschen Auswanderer Fahrten und Schicksale (1847), Wie ist es denn nun eigentlich in Amerika? (1849) oder Schießwaffen. Einige Worte über den Gebrauch und die Behandlung der Büchsen und Flinten (1848) an. Mit einer großen Zahl von Abhandlungen von Der indianische Hund über Amerikanische Hotels und Wirtshäuser bis hin zu Frauen-Emancipation stillte er den Informationshunger zusätzlich in verschiedenen Zeitschriften wie Fliegende Blätter oder Die Gartenlaube. Vor allem aber seine an Abenteuern reichen Amerika-Romane fanden rasch ein begieriges Publikum. Nachdem sich Die Regulatoren in Arkansas als Erfolg erwiesen hatte, folgte zwei Jahre später eine Fortsetzung.

Inhalt: Von einer unbewohnten Mississippi-Insel aus treibt eine Räuberbande, die auch vor Mord nicht zurückschreckt und der zwei schon aus Die Regulatoren in Arkansas bekannte Pferdediebe angehören, ihr Unwesen. Angeführt wird sie von dem Piraten Kelly, der ein Doppelleben führt: Als Squire Dayton ist er Friedensrichter im nahe gelegenen Helena. Nachdem einer der Pferdediebe gefasst wird und gesteht, erkundet Patrick O‘Toole, ein Bürger des Marktfleckens, die Insel in einer abenteuerlichen nächtlichen Aktion. Unterstützt von Soldaten, gelingt es den Siedlern schließlich, die Bande zu zerschlagen. Kelly wird erstochen, seine Männer sterben bei der Explosion eines Dampfbootes auf dem Mississippi, Recht und Ordnung in dem Außenposten der Zivilisation an der amerikanischen frontier sind wiederhergestellt.

Wirkung: Da sich Gerstäckers oft detailgenaue Ausführungen im Gegensatz etwa zu denen Karl Mays auf eigene Beobachtungen stützen und von dem Vorsatz geprägt sind, „wahr nach dem Leben zu schildern“ (Vorwort), wurde von der Kritik in der Regel seine realitätsnahe Beschreibung von Land und Leuten hervorgehoben, was nicht uneingeschränkt zutrifft; es finden sich auch klischeehafte Darstellungen, etwa die chronisch fauler Lateinamerikaner. Zu bemängeln sind auch die zuweilen schablonenhafte Charakterisierung der Figuren, Brüche in der Logik der Handlung sowie der ausufernde Stil, den schon ein zeitgenössischer Rezensent monierte: „Auf den Styl ist auch hier wenig Sorgfalt verwendet und wir müssen manche unnötige Wiederholung mit in Kauf nehmen, dafür entschädigen aber der Humor, die Frische, die Originalität, welche den Gerstäcker’schen Schriften in den weitesten Kreisen so viel Freunde geschaffen haben.“ Der Roman wurde in elf Sprachen übersetzt. Im Vergleich mit seinen Zeitgenossen Charles Sealsfield (d.i. Karl Anton Postl) und Frederic Marryat haben Gerstäckers Werke im Laufe der Zeit an Leuchtkraft verloren, wurden nach dem Ersten Weltkrieg als Jugendliteratur abgetan und sind nach einer kurzen Phase der Wiederentdeckung in den 70-er Jahren heute nahezu vergessen. ACK


aus Das Buch der 1.000 Bücher, Harenberg Verlag, Dortmund 2002